Im Regen stehen gelassen
Freitag, 13.00 Uhr - endlich Dienstschluß! Auf dem Weg zur Bushaltestelle überlegt Herr Erbsencounter stirnrunzelnd, wie er sein freies Wochenende gestalten soll und schreibt sich beim Steifgehen alles fein säuberlich auf einen seiner ordentlich sortierten und abgezählten Notizzettel. An der Haltestelle findet er eine größere Wandergruppe vor, die lauthals „Hoch auf dem gelben Wagen“ singt bzw. grölt - wie er meint. Kurz darauf, als wäre es eine Antwort auf das Gegröle, ziehen sich die Wolken über der kleinen Haltestelle mit Häuschen zusammen, und es beginnt zu nieseln. Nicht lange, und die Tropfen lassen die Grölenden wankend ins Häuschen wandeln, um dort - etwas mehr als angetrunken - die nun etwas eng-werdende Bude einzunebeln, mit Bierfahne und gelber Wagenflagge;-) Zugeknöpft hält sich Herr Erbsencounter in sicherer Entfernung von dem Getümmel entfernt, da er seinen Anzug erst heute morgen gebügelt hatte.
Die Regenfäden beginnen sich langsam zu verlängern, und binnen weniger Minuten regnet es in Strömen, wie aus Gießkannen und sämtlichen Kübeln, als wären die Schleusen des Himmels extra geöffnet worden, um den guten Anzug des Herrn Erbsencounter zu ruinieren. „Nun gehen Sie mal beiseite, Sie sehen doch, daß es am regnen ist, und das Häuschen ist schließlich für jeden da, um sich unterzustellen,“ spricht, nein erbselt er die Wagensänger zunächst höflich aber sichtlich genervt an. „Ja, was meinenSe denn, Herr Schlaumeier, wohin wir uns verziehen sollten? Se sehen doch, daß die Bude rappelvoll ist und nicht mal ´ne Maus mehr Platz hätte. Wären Se früher gekommen, hättenSe gezz nicht im Regen stehen müssen.“
„Sie glauben doch nicht, daß ich meinen Anzug hier naß regnen lasse, meine Herren, zumal ich nicht zum Vergnügen hier warte, so wie SIE! Außerdem haben doch zwei von Ihnen einen Regenschirm dabei. Die können Sie doch aufspannen und draußen auf den Bus warten, denn ich habe meinen Schirm im Büro vergessen.“ Die Augen des Bürokraten werden plötzlich erbsenklein und seine Wangen glänzen bereits tomatenrot, als er dabei ist, sich schwarz zu ärgern...
Die dritte Strophe des o.g. Wagenliedes wird indes angestimmt, und die Wanderburschen kümmern sich nicht weiter um den gegen sie erhobenen Zeigefinger, als plötzlich, und ohne jegliche Vorankündigung, Herr Erbsencounter sich in voller Montur ins SO schon überfüllte Häuschen hinein QUETSCHT...
Der gelbe Wagen quietscht auf und verstummt sogleich vor Schreck und überrumpelter Fassungslosigkeit, als ein kleines Mädchen mit Schulranzen mit leiser Stimme vor dem Wartehäuschen freundlich bittet: „Kann ich mich noch mit unterstellen? Es regnet nämlich.“
Während die Wandergesellen sich bemühen, näher zusammen zu rücken, um dem Mädchen ein wenig Platz zu machen, beginnt nun Herr Erbsencounter auf´s Wortschwalligste loszupoltern: „Ja, Du siehst doch, Kind, daß hier kein Platz mehr ist! Warum läßt Dich auch Deine Mutter ohne Regenschirm in die Schule gehen! Und außerdem, Du freche Göre, Du: Ein bißchen mehr Respekt vor den älteren Herrschaften, wenn ich bitten darf, junge Dame. Host mi?! - Keine Erziehung mehr, die Jugend von heute. Zu meiner Zeit hat es so was nicht gegeben! Wir wußten noch, was es heißt, sich Älteren gegenüber ordentlich zu benehmen!“
Bei diesem Erbsengezeter kommen dem Kind die Tränen, so herzzerreißend, daß selbst die Regenbindfäden nicht mehr mithalten können... während Herr Erbsencounter sich kopfschüttelnd den Anzug glattstreicht...
